Sonntag, 10. Juni 2012

Das Himppe-Ultimatum

Am gleichen Tag ist der 22.Mai. Ich habe nur noch wenige Stunden meinen Geburtstag angemessen zu begehen. Doch bevor ich eine Spur der Verwüstung hinterlassen kann, habe ich noch eine Schulung. HR-Orientation 10:30 im Training-Room auf Deck 14. Ich komme etwas schwerfällig aus dem Bett. Das neu dazugewonnene Lebensjahr macht sich scheinbar schon bemerkbar, auch wenn ich äußerlich noch immer einwandfrei daherkomme. Gut versteckt liegt das 14. Deck ganz oben auf dem Schiff. Da, eine Tür, es steht Training drauf. Wenn es jetzt noch ein Room ist der sich dahinter hidet, bin ich wohl richtig. Hecht! Mit einem gewagten wie leichtsinnigen Sprung versuche ich die letzten Meter zu überwinden und die Klinke herunterzudrücken, um mir so Eintritt zu verschaffen. Doch, oh Graus, ich komme nicht rein. Da ist zu! Gibt es da noch einen anderen Eingang, schießt mir durch den Kopf während die Zeit einsam ihre Runden dreht. Nö, lautet die einfache Antwort. Nö, kein anderer Eingang. Ich bin sogar extra etwas gelaufen um mich nicht nur auf mein Bauchgefühl zu verlassen. Ich lehne meinen Oberkörper also lässig über die Reling um den glänzenden Ausblick auf Stockholm zu genießen und dabei unendlich cool auszusehen. Da höre ich auf einmal Stimmen. Der HR-Manager kommt mit seinem gesamten Hofstaat die Treppe hochflaniert. Wie ich mich so umdrehen will, bemerke ich, dass mich irgendetwas festhält. IrgendsoeinIdiot hat das Holzdingsda der Reling angestrichen ohne das vorher mit mir abzuklären. Mein maritimer, dunkelblauer und viel zu großer Pullover hat nun, nachdem ich mich aus den Fängen des Lacks befreit habe, ganz schön fiese Flecken und klebt wie Limo im Bart. Ich war darüber verständlicherweise nicht very amused, man kann sogar soweit gehen zu behaupten, dass ich ganz schön angepisst war. (Die Wäscherei für die Uniformen hat nämlich nur während meiner Arbeitszeiten 15.30 – 17.30 oder in der Nacht zwischen 7.00 und 8.00Uhr geöffnet). Die Schulung läuft ab, wie ich es von dem Schiff gewohnt bin. Jemand klickt sich mit unglaublicher Rasanz durch ne Powerpointpräsi, redet die ganze Zeit Englisch und ich führe wieder mal einen epischen Kampf gegen die Müdigkeit.
Das Training ist zu Ende und ich habe wieder viele Dinge gelernt, die ich schon wieder vergessen habe (ganz nach dem olympischen Motto: Dabei sein ist alles). Dann darf ich in Begleitung sogar an Land. Die Schweden sind ganz aufgeregt und eine tolle Parade findet mir zu Ehren statt, aber man erkennt mich nicht so recht, denn ich habe mich rasiert. Ein paar Menschen sind wohl auch wegen der Taufe des ...ja was ist es... also so ein MonarchenBalg wurde getauft, deswegen war wohl auch ein knappes Dutzend Menschen da...verwirrte alte Omas und andere Degeneröse. Doch ich muss schon bald nach Hause zurück bzw. ins Schiff. Aus mir unerfindlichen Gründen soll ich heute noch arbeiten.
Kaum im Schiff zurück, bin ich auch schon wieder in die Uniform gekleidet. Meine Kolleginnen nutzen meine Bereitschaft zu arbeiten schamlos aus und schicken mich quer durch den klapprigen Ozeanriesen. Ich bin kurz davor wahnsinnig zu werden, da soll ich auch noch meine Kamera aus der Kabine holen. Wieder quer durch den ganzen Kahn. Das Maß ist damit gefüllt. Wutentbrannt trete ich mit einem Jürgen-Klinsmann-Gedächtnis-Tritt ein Loch in den Rumpf des Schiffes. Mit hochrotem Kopf betrete ich schließlich meinen Arbeitsplatz und bin gelinde gesagt positiv überrascht. Dort erwartet mich ein wunderschöne Geburtstagstorte. Sie ist aus einer Tonne Schokolade und mit meinem Namen verziert. Dann kommen auch schon die ersten Gäste. Allesamt unter 7 Jahren, unwissend ob der Bedeutung des Tages und daher auch ohne Geschenke erschienen.

Meine beiden Kolleginnen überreichen mir schließlich einen Beutel gefüllt mit Bier, also mit Dosen voller Bier. Ich bin erfreut, dass sie mich schon so gut kennen. Damit haben sie genau meinen Geschmack getroffen. Als ich gerade meine Geschenke öffnen will, stoppen mich meine beiden Kolleginnen mit letzter Kraft und dem Hinweis, das ja Kinder anwesend seien. Aber es wird trotzdem noch eine tolle Party. Und diesmal ist auch niemand dabei, der Löcher in den Teppich ascht oder die ganze Bude vollgekotzt hat.
Selawie!


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