Freitag, 22. Juni 2012

Schlaflos auf 4361

Es könnte alles so schön sein
wär ich des Nachts auch mal allein
und statt mit Jenny und Sabine
teil ich mit ihm mir die Kabine

Statt zu ruhn, kann er nur schnarchen
dann lässts sich immer sehr schlecht schlafen
und liegt er nur so döst er gleich
der alte Mann aus Österreich

Chefin, Purser, Kapitän
niemand scheint mich zu verstehn
mein Wunsch versteckt in dem Gewimmer
nach einer Nacht im Einzelzimmer

Doch fehln die Streifn, so lieg ich wach
gähne tief und denke nach
über Fußball, den Sinn des Seins
auf Kabine VierDreiSechsEins

Sonntag, 10. Juni 2012

Das Himppe-Ultimatum

Am gleichen Tag ist der 22.Mai. Ich habe nur noch wenige Stunden meinen Geburtstag angemessen zu begehen. Doch bevor ich eine Spur der Verwüstung hinterlassen kann, habe ich noch eine Schulung. HR-Orientation 10:30 im Training-Room auf Deck 14. Ich komme etwas schwerfällig aus dem Bett. Das neu dazugewonnene Lebensjahr macht sich scheinbar schon bemerkbar, auch wenn ich äußerlich noch immer einwandfrei daherkomme. Gut versteckt liegt das 14. Deck ganz oben auf dem Schiff. Da, eine Tür, es steht Training drauf. Wenn es jetzt noch ein Room ist der sich dahinter hidet, bin ich wohl richtig. Hecht! Mit einem gewagten wie leichtsinnigen Sprung versuche ich die letzten Meter zu überwinden und die Klinke herunterzudrücken, um mir so Eintritt zu verschaffen. Doch, oh Graus, ich komme nicht rein. Da ist zu! Gibt es da noch einen anderen Eingang, schießt mir durch den Kopf während die Zeit einsam ihre Runden dreht. Nö, lautet die einfache Antwort. Nö, kein anderer Eingang. Ich bin sogar extra etwas gelaufen um mich nicht nur auf mein Bauchgefühl zu verlassen. Ich lehne meinen Oberkörper also lässig über die Reling um den glänzenden Ausblick auf Stockholm zu genießen und dabei unendlich cool auszusehen. Da höre ich auf einmal Stimmen. Der HR-Manager kommt mit seinem gesamten Hofstaat die Treppe hochflaniert. Wie ich mich so umdrehen will, bemerke ich, dass mich irgendetwas festhält. IrgendsoeinIdiot hat das Holzdingsda der Reling angestrichen ohne das vorher mit mir abzuklären. Mein maritimer, dunkelblauer und viel zu großer Pullover hat nun, nachdem ich mich aus den Fängen des Lacks befreit habe, ganz schön fiese Flecken und klebt wie Limo im Bart. Ich war darüber verständlicherweise nicht very amused, man kann sogar soweit gehen zu behaupten, dass ich ganz schön angepisst war. (Die Wäscherei für die Uniformen hat nämlich nur während meiner Arbeitszeiten 15.30 – 17.30 oder in der Nacht zwischen 7.00 und 8.00Uhr geöffnet). Die Schulung läuft ab, wie ich es von dem Schiff gewohnt bin. Jemand klickt sich mit unglaublicher Rasanz durch ne Powerpointpräsi, redet die ganze Zeit Englisch und ich führe wieder mal einen epischen Kampf gegen die Müdigkeit.
Das Training ist zu Ende und ich habe wieder viele Dinge gelernt, die ich schon wieder vergessen habe (ganz nach dem olympischen Motto: Dabei sein ist alles). Dann darf ich in Begleitung sogar an Land. Die Schweden sind ganz aufgeregt und eine tolle Parade findet mir zu Ehren statt, aber man erkennt mich nicht so recht, denn ich habe mich rasiert. Ein paar Menschen sind wohl auch wegen der Taufe des ...ja was ist es... also so ein MonarchenBalg wurde getauft, deswegen war wohl auch ein knappes Dutzend Menschen da...verwirrte alte Omas und andere Degeneröse. Doch ich muss schon bald nach Hause zurück bzw. ins Schiff. Aus mir unerfindlichen Gründen soll ich heute noch arbeiten.
Kaum im Schiff zurück, bin ich auch schon wieder in die Uniform gekleidet. Meine Kolleginnen nutzen meine Bereitschaft zu arbeiten schamlos aus und schicken mich quer durch den klapprigen Ozeanriesen. Ich bin kurz davor wahnsinnig zu werden, da soll ich auch noch meine Kamera aus der Kabine holen. Wieder quer durch den ganzen Kahn. Das Maß ist damit gefüllt. Wutentbrannt trete ich mit einem Jürgen-Klinsmann-Gedächtnis-Tritt ein Loch in den Rumpf des Schiffes. Mit hochrotem Kopf betrete ich schließlich meinen Arbeitsplatz und bin gelinde gesagt positiv überrascht. Dort erwartet mich ein wunderschöne Geburtstagstorte. Sie ist aus einer Tonne Schokolade und mit meinem Namen verziert. Dann kommen auch schon die ersten Gäste. Allesamt unter 7 Jahren, unwissend ob der Bedeutung des Tages und daher auch ohne Geschenke erschienen.

Meine beiden Kolleginnen überreichen mir schließlich einen Beutel gefüllt mit Bier, also mit Dosen voller Bier. Ich bin erfreut, dass sie mich schon so gut kennen. Damit haben sie genau meinen Geschmack getroffen. Als ich gerade meine Geschenke öffnen will, stoppen mich meine beiden Kolleginnen mit letzter Kraft und dem Hinweis, das ja Kinder anwesend seien. Aber es wird trotzdem noch eine tolle Party. Und diesmal ist auch niemand dabei, der Löcher in den Teppich ascht oder die ganze Bude vollgekotzt hat.
Selawie!


Samstag, 2. Juni 2012

Die Himppe-Verschwörung

Mit meinen bezaubernden Kolleginnen befinde ich mich in der Lounge/Disse auf Deck 11 meines Schiffes (ja, mein Schiff. Es steht nun sogar an der Außenwand des Kahns..ich habe 51 Prozent davon als Vorschuss auf meine Heuer erhalten. Das langt mir dann aber auch..). Mein Cocktail mundet mir sehr, er hat wohl einen Alkoholgehalt von etwas mehr als zweimal um die Welt. Plötzlich ergreift der DJ das Wort. Es ist immer noch der selbe DJ, der in der Stunde zuvor nur einen meiner drei Wunschtracks gespielt hat (wenn man als DJ was auf sich hält, spielt man sofort Red Red Wine, wenn sich das jemand wünscht) . Er stoppt zeitgleich die Musik und erzählt etwas von wegen nun da Mitternacht wäre, hätte jemand Geburtstag. Ich denke mir nur, wie peinlich, das arme Schwein wird jetzt vorgeführt, doch während eines lichten Augenblicks realisiere ich das drohende Unheil. Schweistropfen ergießen sich auf meinen Jerseyanzug. Ich sende Stoßgebete gen Himmel und denke nur: bloß nicht ich. Doch es kommt wie es kommen musste... nur wenige Nanosekunden nach der Nennung meines Namens erschüttert tosender Beifall die Ostsee. Ich warte noch einige Augenblicke und begebe mich auf die Tanzfläche um einige meiner berühmten wie gefürchteten Moonwalks zu demonstrieren, während der DJ ein Geburtstagslied von der Leine lässt. Als ich gerade wieder den nun brennenden Dancefloor verlassen will, heisst es, nun käme mein Lieblingslied... Und ich dachte nur “Jo” und “cool”, “woher kennt der es” und “wie heißt es eigentlich”? Eine mir völlig fremde Melodie ertönt und auf einmal ist es wie am Morgen, wenn Aldi öffnet... Rentner füllen die freie Fläche mit ihrer modrigen Präsenz. Die folgenden Minuten unterscheiden sich nur unwesentlich von meinen Auftritten. Ein Lied beginnt, Ich kenne weder Text noch Choreografie. Die Namen der Personen, die mich mit ihren großen Augen erwartungsvoll anschauen, sind mir völlig fremd. Ich mache dennoch gute Miene zum bösen Spiel, immerhin haben die Leute die Reise ja schließlich nur wegen mir gebucht. (bevor ich es vergesse, das Lied war irgendwas mit Flieger und Tiger und es gibt ein Video von dem Totentanz..ich versuche es zu organiseren und auf der BestOfHimppeDVD zu veröffentlichen.. Update: gerade hat sich rausgestellt, dass der DJ von Bord gehen musste, unfreiwillig) Der süßlich-saure Geruch des Deos unseres lieben Gevatter Tods war mit jeder weiteren Sekunde deutlicher wahrzunehmen. Doch das Lied endet bevor jemand wiederbelebt werden muss.
Ich entschließe mich noch hinunter in die Kellergewölbe des Schiffes zu steigen, um noch etwas den Duft lebenden Fleisches einzuatmen. Die Crew-Bar ist das Herz, oder vielmehr die Leber, des Schiffes. Als ich mir schnell 4 Bier bestellen möchte, um möglichst zügig die vorangegangene halbe Stunde zu ertränken und in Feierlaune zu gelangen, heißt es sinngemäß: Nö, hier hastde nur 2. Das wird mir in der Mischung der beiden Bordsprachen mitgeteilt. (Bordsprachen sind Englisch und ein zeichensprachliches Kauderwelsch). Ich dachte es handele sich um ein Misunderstooding bzw. Achselzucken und Fingerzeig auf mich, dann auf die Crew-ID-Karte und schließlich und eine schwer zu beschreibende Handbewegung + Kopfschütteln.. doch wie sich herausstellte: keine Kohle mehr auf der Karte..und als wäre es es eine Yes-Tortie Werbung, sage ich mit reduzierter Stimme: "Und das zu meinem Geburtstag".
Schnell wird mir klar, was hier für ein perfides Spiel gespielt wird. Da haben sich einige Konspirativisten zusammengetan und sich gesagt: Oh ja, der ist berühmt und hat zusätzlich noch was auf dem Kasten... jetzt würgen wir dem mal schön einen rein, hacken uns in den Schiffscomputer, gefährden damit das Leben von knapp 3000 Menschen, löschen das ganze Geld von seiner Crew ID und vermiesen ihm damit mal so richtig seinen wohlverdienten Geburtstag. Das ganze machen wir, weil wir es nicht ertragen, dass er der erste geniale Musiker ist, der sein 28.Lebensjahr erreicht und sich nicht vorher todheroiniert, ins Gesicht geflintet oder sonst wie in Jenseits befördert hat... neben Elton John..aber...genau, ich sags lieber nicht... oder doch: Der trägt ne Brille.
Anyhow, ich hatte zwar noch ein Not-Bier auf Kabine (seit der Havarie der Costa Concordia verhalte ich mich umsichtiger. Was ist, wenn wir schnell evakuieren müssen und ich es nicht nochmal schaffe in der Staff-Bar vorbeizuschauen?) aber mit der Feierlaune und der damit verbundenen Bereitschaft, es zu genießen, war es over. Die Faschisten hatten wieder mal obsiegt und ich musste durstig ins Bett.
To be continued...